Häusliche Gewalt in Deutschland: Was die neue LeSuBiA Studie wirklich zeigt.
Jedes Jahr veröffentlicht das Bundeskriminalamt Zahlen zur häuslichen Gewalt in Deutschland und jedes Jahr sind es Höchststände. Aber diese Zahlen zeigen nur, was angezeigt wurde. Was ist mit all den Fällen, die nie bei der Polizei landen?
Genau diese Frage beantwortet die LeSuBiA-Studie, die das Bundeskriminalamt gemeinsam mit dem Bundesinnenministerium und dem Bundesfrauenministerium im Februar 2026 veröffentlicht hat. LeSuBiA steht für "Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag" und ist die bislang umfassendste Dunkelfeldstudie zu Gewalterfahrungen in Deutschland. Für mich als Autorin, die sich seit Jahren mit Kinderschutz und Prävention beschäftigt, sind diese Zahlen kein abstraktes Statistik-Update. Sie zeigen schwarz auf weiß, warum Aufklärung so dringend nötig ist, gerade für Kinder und Familien.
Was die LeSuBiA-Studie anders macht
Polizeiliche Kriminalstatistiken erfassen nur das sogenannte Hellfeld: Taten, die angezeigt wurden. Die LeSuBiA-Studie geht einen anderen Weg. Zwischen Juli 2023 und Januar 2025 wurden rund 15.000 Menschen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren befragt, nicht danach, ob sie Anzeige erstattet haben, sondern schlicht danach, was sie erlebt haben. Das Ergebnis ist ein deutlich realistischeres Bild davon, wie verbreitet Gewalt in Deutschland tatsächlich ist.
Und dieses Bild ist erschütternd.
Die Zahlen im Überblick
Psychische Gewalt haben 48,7 % der befragten Frauen und 40 % der befragten Männer irgendwann in ihrem Leben erlebt. In den letzten fünf Jahren waren es 23,8 % der Frauen und 23,3 % der Männer, hier liegen die Geschlechter also fast gleichauf.
Körperliche Gewalt erlebte im Laufe des Lebens jede sechste Person (16,1 %). In den letzten fünf Jahren waren es 5,2 % der Frauen und 6,1 % der Männer.
Sexuelle Belästigung ist mit 45,8 % Lebenszeitprävalenz eine der häufigsten Gewalterfahrungen überhaupt und hier zeigt sich ein deutliches Geschlechtergefälle: In den letzten fünf Jahren waren 34,7 % der Frauen betroffen, aber "nur" 14,5 % der Männer.
Sexuelle Übergriffe erlebten 11,2 % aller Befragten im Laufe ihres Lebens; in den letzten fünf Jahren waren es 4 % der Frauen und 1,4 % der Männer.
Stalking betraf 21,2 % im Laufe des Lebens, in den letzten fünf Jahren 10,6 % der Frauen und 7 % der Männer.
Digitale Gewalt, also etwa Belästigung, Bloßstellung oder Kontrolle über digitale Kanäle, erlebten in den letzten fünf Jahren 20 % der Frauen und 13,9 % der Männer. Bei jungen Frauen zwischen 16 und 17 Jahren waren es sogar über 60 %. Diese Zahl allein zeigt, wie wichtig das Thema digitaler Fussabdruck und digitale Sicherheit gerade für junge Menschen ist.
Ein Muster zieht sich durch fast alle Kategorien: Männer und Frauen sind zwar oft ähnlich häufig von Gewalt betroffen, aber Frauen erleben durchgehend schwerere und wiederholtere Formen davon, vor allem bei sexualisierter und digitaler Gewalt.
Das Dunkelfeld: 19 von 20 Taten werden nicht angezeigt
Der vielleicht wichtigste Befund der Studie betrifft nicht die Häufigkeit von Gewalt, sondern das, was danach passiert, oder eben nicht passiert. Die Anzeigequote liegt bei den meisten Gewaltformen unter 10 %. Bei psychischer und körperlicher Gewalt in Partnerschaften sind es sogar unter 5 %.
Anders gesagt: 19 von 20 Taten partnerschaftlicher Gewalt werden nirgendwo angezeigt. Sie tauchen in keiner Kriminalstatistik auf, sie lösen kein Verfahren aus, sie bleiben unsichtbar. Zum Vergleich: Das Bundeslagebild Häusliche Gewalt 2024 zählte "nur" 265.942 angezeigte Opfer, ein neuer Höchststand mit einem Anstieg von 17,8 % innerhalb von fünf Jahren. Die LeSuBiA-Zahlen legen nahe, dass die tatsächliche Zahl der Betroffenen um ein Vielfaches höher liegt.
Was das für Kinder bedeutet
Für mich als jemand, die Aufklärungsbücher für Familien schreibt, ist ein anderer Teil der Studie mindestens genauso wichtig: die Zahlen zu Kindheitserfahrungen.
Mehr als jede zweite befragte Person hat in ihrer Kindheit körperliche Gewalt durch die eigenen Erziehungsberechtigten erlebt. Mehr als jede dritte Person berichtet von psychischer Gewalt in der Erziehung. Und fast jede vierte Person hat als Kind miterlebt, wie Gewalt zwischen den eigenen Eltern stattfand, also selbst dann betroffen war, wenn die Gewalt sich nicht direkt gegen sie richtete.
Diese Zahlen bestätigen etwas, das in der Präventionsarbeit seit Langem bekannt ist: Kinder, die Gewalt zwischen ihren Bezugspersonen miterleben, sind nicht "nur Zeugen". Sie tragen die Belastung mit, emotional, oft auch in ihrer eigenen späteren Beziehungsfähigkeit. Häusliche Gewalt ist nie ausschließlich ein Thema zwischen zwei Erwachsenen, wenn Kinder im selben Haushalt leben.
Was können Eltern und Angehörige tun?
Die Studie liefert keine einfachen Antworten, aber sie zeigt drei Dinge sehr deutlich:
Erstens: Gewalt in der Familie ist kein Randphänomen, sondern etwas, das statistisch gesehen viele von uns entweder selbst erlebt haben oder in ihrem Umfeld kennen. Darüber zu sprechen, ist kein Tabubruch, sondern notwendig.
Zweitens: Die extrem niedrige Anzeigequote bedeutet, dass Betroffene oft über Jahre allein mit dem Erlebten bleiben, aus Scham, aus Angst, aus Unsicherheit, ob das Erlebte "schlimm genug" ist, um es zu melden. Wer im Umfeld jemanden hat, der betroffen sein könnte, kann durch aufmerksames, nicht wertendes Zuhören oft mehr bewirken als durch Drängen.
Drittens: Prävention beginnt früh. Kinder, die früh lernen, was gesunde Beziehungen und Grenzen bedeuten, sind besser geschützt, nicht nur als potenzielle Opfer, sondern auch, um gesunde Beziehungsmuster für ihr eigenes späteres Leben zu entwickeln. Genau hier setzen meine Aufklärungsguides und Workbooks an: Sie geben Eltern und Kindern eine altersgerechte Sprache für Themen, über die viele Familien sonst schweigen.
Hilfe finden
Falls dich dieser Artikel selbst betrifft oder du jemanden kennst, der Unterstützung braucht:
Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist unter der Nummer 116 016 kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar, für Betroffene und für Angehörige.
Kinder und Jugendliche erreichen die "Nummer gegen Kummer" kostenlos und anonym unter 116 111.
Eltern, die sich Sorgen machen oder selbst Rat brauchen, erreichen das Elterntelefon unter 0800 111 0 550.
