3 von 4 Kindern erleben Gewalt zu Hause und geben sie weiter
Dein Kind sieht mehr, als du denkst -
auch hinter verschlossenen Türen
Über 72.800 Kindeswohlgefährdungen wurden 2024 in Deutschland festgestellt, ein neuer Höchststand.
Erste Zahlen aus einzelnen Bundesländern zeigen: 2025 steigen die Fallzahlen weiter. Die bundesweite Statistik wird im Herbst 2025 veröffentlicht.
Doch die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher. Denn Gewalt zu Hause passiert hinter verschlossenen Türen und Kinder schweigen.
Sarah hat auch geschwiegen.
Wie aus Opfer Täter werden.
Sarah, 29 Jahre, Mutter
Ich sitze im Badezimmer den Schwangerschaftstest in meiner Hand. Zwei Streifen. Schwanger.
Ich sollte mich freuen, aber ich habe Angst.
Angst, weil ich genau weiß, wie es sein wird. Ich kenne dieses Leben. Ich habe es selbst gelebt.
Als Kind stand ich in der Tür und hörte zu. Papa schrie. Mama weinte. "Du bist zu dumm. Du machst nie was richtig. Ohne mich wärst du nichts." Ich machte mich klein. Ganz klein. Damit niemand mich sieht. Damit niemand merkt, dass ich Angst habe.
Niemand sagte je: "Das ist nicht okay." Niemand sagte: "Das hat nichts mit dir zu tun." Also dachte ich, es liegt an mir. Wenn ich nur braver wäre. Leiser. Unsichtbarer.
Ich durfte keine Freunde einladen. "Die verstehen uns nicht. Die reden nur schlecht über uns." Ich zog mich zurück. In der Schule war ich die Stille. Die Komische. Die, die nie jemanden nach Hause bringt.
Mit 16 kam mein erster Freund. Er war eifersüchtig. Kontrollierte mein Handy. Bestimmte, was ich anzog. Meine Freundinnen sagten: "Das ist nicht normal." Aber für mich war es das. So sah Liebe aus. So kannte ich es.
Mit 20 zog ich dann aus. Endlich raus. Weg von den Eltern. Ich dachte, jetzt wird alles besser.
Aber die Muster blieben.
Mein neuer Partner war charmant. Am Anfang.
Dann kamen die Kommentare. "Du bist zu sensibel. Du übertreibst immer. Ohne mich schaffst du das nicht." Ich schluckte es runter. Ich kannte diese Worte.
Dann kontrollierte er das Geld. "Ich verdiene es, ich verwalte es." Ich hatte kein eigenes Konto mehr. Keine Entscheidungsfreiheit.
Dann isolierte er mich. "Deine Freundinnen reden dir nur Unsinn ein. Die gönnen uns nichts." Langsam verschwanden sie alle. Eine nach der anderen.
Dann kamen die Drohungen. "Wenn du gehst, findest du nie wieder jemanden. Wer will dich schon?" Die Tür knallte. Ich zuckte zusammen. Immer.
Und dann, mit 25, kam der erste Schlag.
Ich blieb. Weil ich keine Wohnung ohne ihn hatte. Kein Geld. Keine Familie, die noch zu mir stand. Weil ich dachte: "Vielleicht habe ich es verdient. Vielleicht ist das normal."
Weil Gewalt das Einzige war, was ich als Beziehung kannte.
Jetzt bin ich 29. Schwanger.
Die Schwangerschaft ist hart. Übelkeit. Erschöpfung. Er hat kein Verständnis. "Andere Frauen schaffen das auch. Stell dich nicht so an."
Ich funktioniere. Wie immer.
Neun Monate später wird mein Kind geboren. Kleine Finger. Große Augen. Es schaut mich an und ich denke: "Für dich wird alles anders."
Aber ich bin erschöpft. Das Wochenbett. Schlaflose Nächte. Mein Körper schmerzt. Meine Brust entzündet. Ich weine ständig. Ich komme nicht hinterher.
Er kommt nach Hause. Die Wohnung ist unordentlich. Das Baby schreit. Ich sitze auf dem Sofa und stille.
"Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Ich arbeite und hier sieht es aus wie im Saustall."
Ich sage nichts. Ich habe keine Kraft mehr.
"Hörst du mir überhaupt zu?"
Ich schaue hoch. Versuche zu antworten. Aber bevor ich etwas sagen kann, ist seine Hand schon da.
Der Schlag trifft meine Wange.
Mein Kind ist an meiner Brust. Es erschrickt. Lässt los. Weint.
Ich halte es fest. Schütze den kleinen Kopf. Drücke es an mich.
Er dreht sich um. Geht raus. Knallt die Tür.
Die Wochen vergehen. Mein Kind schreit. Nachts. Immer. Ich stehe auf. Wieder und wieder. Ich stille. Ich wiege. Ich gehe auf und ab.
Nichts hilft.
Er schläft im Nebenzimmer. "Ich muss morgen arbeiten."
Ich bin allein. Mit diesem schreienden Baby. Das nicht aufhört. Nie aufhört.
Ich bin so müde. So leer. So überfordert.
"Bitte. Bitte hör auf zu schreien."
Es schreit weiter.
Ich spüre, wie die Wut hochkommt. Diese Wut, die ich so gut kenne. Die ich mein Leben lang geschluckt habe.
"Hör auf!"
Meine Stimme ist laut. Zu laut.
Es schreit lauter.
Ich schüttle es. Nur einmal. Nur kurz. "Sei endlich still!"
Es erschrickt. Weint noch mehr.
Ich lege es ins Bett. Gehe raus. Schließe die Tür.
Ich höre es weinen. Aber ich kann nicht mehr.
Die Monate vergehen. Mein Kind wird älter. Es läuft. Es spricht.
Aber es hört nicht. Nie.
"Räum deine Spielsachen weg."
Es ignoriert mich.
"Ich habe gesagt, räum auf!"
Es schaut mich an. Große Augen.
Ich kenne diesen Blick. Ich hatte ihn selbst.
Aber ich bin so erschöpft. So am Ende.
"Du machst nie, was ich sage! Nie!"
Meine Hand hebt sich. Der Klaps.
Es weint.
Ich stehe da. Schockiert. "Das wollte ich nicht. Ich wollte nicht so werden."
Aber die Muster sind da. Tief in mir.
Die Worte meines Vaters kommen aus meinem Mund. "Wenn du nicht hörst, dann musst du eben lernen."
Die Kontrolle meiner Mutter. "Du darfst nicht zu Freunden. Du bleibst hier."
Die Kälte. Die Abwertung. Die Gewalt.
Alles, was ich geschworen habe, nie zu tun.
Ich tue es trotzdem.
Ich bin nicht mehr das Opfer.
Ich bin die Täterin.
Der Kreislauf endet nie.
Opfer werden Täter. Täter erschaffen Opfer.
Generation für Generation.
Es sei denn, jemand durchbricht ihn.
Ist das die Zukunft, die du für dein Kind willst?
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Rückzug, Ängstlichkeit, aggressives Verhalten,
Schlafstörungen
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Damit Liebe endlich sicher wird.
Du muss kein Therapeut sein -
du musst nur wissen, was du tust
Du brauchst sofort Hilfe?
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016 (24/7, kostenlos, anonym)
Nummer gegen Kummer (für Kinder): 116 111
Polizei-Notruf: 110
